Kleine
"
Wappenkunde "

     

 

       


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Wappen

"von Haiger"

Wer nach dem Wappen der Adligen von Haiger fragt, muß einiges bedenken, wenn er vor Fehlschlüssen bewahrt bleiben will. Da ist zuerst die Tatsache wichtig, daß - und das gilt besonders für den einfachen Landadel - Wappen nur selten in Stein ge­hauen, in Holz geschnitzt oder auf Schilde gemalt vorkommen. Umso häufiger sind sie auf den Siegeln der Adligen anzutreffen, wo sie allermeist auf dem zentralen „Schild": umrandet von dem Namen des Siegelinhabers, zu finden sind. Dort erscheint die sogenannte „Schildfigur" des Wappens, die dieses von Tausenden anderer Wappen unter­scheidet. Die ausgedehnte Tätigkeit der Haigerer Adligen als Zeugen und Beglaubiger bei Verträgen und Vermögensauseinandersetzungen hat uns viele solcher Siegel mit Wappenschilden erhalten. Dagegen gibt es, soweit bisher bekannt ist, nur einige ge­hauene oder gemalte Wappen in der Haigerer Stadtkirche. Sie werden uns später ein­gehend beschäftigen.

Es ist weiterhin zu bedenken, daß die Form eines Wappens sich im Laufe der Jahrhun­derte mehrfach ändert. Schon am Umriß des Wappenschildes kann der Kundige erken­nen, aus welcher Zeit das Wappen stammt. Gleiches gilt für das Wappenbild und die Ausstattung des Wappens. Das läßt sich auch bei den Wappen derer von Haiger gut be­obachten. Kurz nach 1300 ist der Wappenschild ganz schlicht und ohne allen Zierat. Um 1450 aber wird er mit allerlei Beiwerk prächtig ausgeschmückt, getreu der sich wan­delnden Mode von der Gotik zur Renaissance.

Mit solchen Veränderungen hängt zusammen, daß es über die Schildfigur im Wappen der Adligen v. H. recht unterschiedliche Meinungen gibt. Da wird von drei Seeblättern, drei Lindenblättern, drei Herzen oder einem Kleeblatt gesprochen. Tatsächlich stehen auf den älteren Siegeln drei zum sogenannten „Dreipaß" mit den Spitzen zueinander gekehrte „Seeblätter". Gemeint sind die Blätter der Weißen Seerose' (Nymphaea alba). Schaut man näher zu, dann kommen weniger diese als vielmehr die der nahe verwand­ten 'Gelben Teichrose' (Nuphar luteum) in Frage. Gerade diese zeigen am Stielansatz die sehr charakteristische Ausbuchtung, wie sie sozusagen naturgetreu an den drei Blättern der älteren Haigerer Wappen und Siegel zu beobachten ist. Weder bei der Linde noch beim Klee findet sich ähnliches. Die Frage, wieso man gerade auf diese Wasserpflanze in unserem an Seen und Teichen so armen Gebiet gekommen sein mag - die nächsten Standorte der Teichrose liegen im Lahngebiet -, läßt sich nur mit dem Hinweis darauf beantworten, daß J. D. Leers in seiner „Flora herbornensis" 1775 die beiden schönen Wasserpflanzen als allerdings selten in Fischweihern bei Driedorf und Emmerichenhain gekannt hat. Jedenfalls haben sich die von Haiger eine nicht alltägliche Pflanze zum Wappenschild erwählt. Daß sie es dreimal in ihren Schild setzten, mag in der alten symbolischen, die Dreieinigkeit versinnbildlichenden Bedeutung der Zahl drei begründet sein, derzufolge sich häufig jeweils drei Rosen, Lilien, Blätter unterschied­lichster Art, aber auch Sterne, Kreuze, Kugeln usw. in Wappen finden lassen.

Auffällig ist die Tatsache, daß die Haigerer Adligen dieses Wappen mit den drei See­blättern nicht allein geführt haben. Mindestens zwei andere Adelsfamilien unserer Heimat, die von Dernbach und die von Hachenburg, zeigten das gleiche Wappen und werden darum nicht selten untereinander und mit den Haigerern verwechselt. Worin diese Wappengleichheit begründet ist, wird kaum eindeutig zu erklären sein. Immer­hin liegen sehr alte verwandtschaftliche Beziehungen unter den drei Adelsgeschlech­tern vor, die hier nicht näher erörtert werden können. Ein sehr anschauliches Beispiel für diese „Wappenverwandtschaft" bietet die auf der Tafel VII mit ihren Siegeln abgebildete Urkunde vom 25. April 1349.

Es geht da um eine Schuldverschreibung des Gra­fen Otto von Nassau und seiner Gemahlin Adelheid, die den Rittern von Haiger für geliehene Gelder die Dörfer Dreßelndorf und Lützeln verpfänden. 10 Ritter siegeln die darüber ausgestellte Urkunde, davon 6 mit dem gleichen Wappensiegel aber unter­schiedlichen Umschriften. Die vier ersten von links nach rechts sind Haigerer Ritter. Als fünfter folgt mit dem gleichen Wappenschild der Ritter Ludwig von Hachenburg. Der achte ist Ritter Johannes genannt Grug von Dernbach, ebenfalls mit dem Seeblatt­schild. Zusammen mit den schönen Siegeln je eines Ritters von Bicken, von Rols­hausen, von Kalsmunt und von Hatzfeld wirkt diese stolze Reihe wie Manifestation ritterschaftlicher Selbstbehauptung und Zusammengehörigkeit gegenüber der von alters her nur unwillig und mit viel Widerstand ertragenen nassauischen Landesherrschaft. Unter den vier Haigerer Siegeln auf dieser Urkunde fällt das erste auf, geführt von Ritter Eberhard dem Alten. Da ist über den drei Seeblättern ein eigenartiges Gebilde zu erkennen, in der Wappenkunde als „dreilatziger Turnierkragen" bezeichnet.

Offensichtlich soll dieser Turnierkragen die besondere Ritterhaftigkeit Eberhards an­deuten, etwa in dem Sinne, daß er als Repräsentant des Hauses der Adligen von Haiger zu gelten hatte. Das meint auch die Umschrift des Siegels, die als EBIRARD * MAIOR * HAYGERE zu lesen ist, wobei das lateinische major im Sinne von 'angesehen, ver­dienstvoll, ehrwürdig' zu übertragen wäre, aber auch als 'älterer, ältester' verstanden werden kann. Tatsächlich wird dieser Eberhard - einer von mehreren gleichen Namens unter den Adligen von Haiger - schon sehr früh „der Alte" genannt, obwohl er erst 1383 gestorben ist. Und auch die Urkunden weisen aus, daß er wirklich allerlei „zu sagen hatte" und nach Kräften bestrebt war, Ansehen und Einfluß des Geschlechtes der Haigerer zu mehren.

Nach 1350 wandelte sich langsam das Schildbild im Wappen der Haigerer, vielleicht aus Unkenntnis seines ursprünglichen Zusammenhangs. Die so sehr bezeichnende Aus­buchtung am Stielansatz des „Seeblattes" wurde immer mehr ausgeglichen, so daß sich der Blattumriß dem des Lindenblatts oder - bei weiterer Veränderung - dem völlig anders gebauten Drittel eines Kleeblatts näherte. Einmal wurden sogar die drei Blätter auseinandergezogen, so daß man sie nun als Herzen ansprach (Siebmacher VII, 7,7 S.24).

Gleichzeitig war man aber auch bestrebt, dem Wappen ein ansehnlicheres Gepräge zu geben. Die zunehmende Ausweitung eigener Einflußbereiche und eine allgemein sich bemerkbar machende Prachtentfaltung bei adligen Wappen haben viel dazu beigetra­gen, daß auch die Haigerer ihr Wappen „modernisierten". Das geschah allerdings nach bestimmten heraldischen Regeln. Dem zumeist schräg gestellten „Schild" setzte man einen „Helm" auf, der wiederum durch eine „Helmdecke" mehr oder weniger prächtig ausgeschmückt wurde. Der Helm selbst trug das „Kleinod", ein familienweise oder per­sönlich gewähltes gegenständliches oder symbolisches Zeichen: Geweihe, Flügel, Tier­köpfe, Blumen, Geräte oder anderes. Der Helmzier - zumeist dem Kleinod - an- oder eingefügt war oft eine verkleinerte Wiederholung des Wappenbildes.

Ein Wappen des Ritters Heidenrich von Haiger aus dem Jahre 1467 zeigt den noch etwas zaghaften Beginn dieser Wappen-Ausgestaltung. Bei der Schildfigur im geneig­ten Schild ist schon die kleeblattähnliche Abwandlung der ursprünglichen Seeblätter zu bemerken. Der Helm ist als der im 15. Jahrhundert gebräuchliche „Stechhelm" im heraldischen Sinn nach rechts gewendet dem Schild aufgesetzt. Die Helmdecke ist noch wenig ausgeprägt, eigentlich nur ein vom Helm rückwärts herabhängendes Tuch oder Band. Aber ein Kleinod trägt der Helm bereits, zwei hoch aufgerichtete Adlerflügel, einen sogenannten „geschlossenen Flug". Statt der vollständigen verkleinerten Wieder­gabe des Wappenbildes im Kleinod ist dem Helm ein einzelnes gestieltes Blatt ange­hängt, ein sicherer Hinweis darauf, daß von Anfang an drei Einzelblätter und nicht ein dreiteiliges Kleeblatt zu sehen sind.

Eine Weiterentwicklung des Haigerer Wappens gibt Siebmacher in seinem Wappen­buch wieder. Da sitzt auf dem geschrägten Wappen ein sogenannter Kübel- oder Topf­helm, der eigentlich einer etwas früheren Zeit angehört. Er ist nicht wie der Stechhelm Heidenrichs nach links, sondern nach vorn, zum Betrachter hingewandt. Deutlich sind die Sehschlitze zu erkennen. Über den Helm ist eine fast mantelartige, in Falten herab­hängende Decke gebreitet. Helmkleinod ist wieder ein Flug, diesesmal aber ein „offe­ner", der nun auch das ganze verkleinerte Wappenbild enthält. Leider hat Siebmacher bei diesem Siegel weder Inhaber noch Alter angegeben.

Noch prächtiger hat der offenbar sehr vornehme, im diplomatischen Geschäft wohlerfah­rene Hermann von Haiger, Burggraf, Drost und Amtmann in mancherlei Diensten und Missionen, sein Wappen ausgestalten lassen. Das ist aus einem sehr gut erhaltenen Siegel zu entnehmen, mit dem er die Belehnung des Thomas von Selbach genannt von Burbach mit einem Burgsitz in Tringenstein bestätigt (Regesten Nr. 223). Da verschwin­det der eigentliche Wappenschild fast unter der Fülle des Beiwerks, vor allem durch die barock wogende Decke des nach rechts gewendeten Stechhelms. Ein breiter, kräftiger Flug mit weitausladenden Schwingen umschließt das Kleinod, das die Blätter der Schildfigur in einer sonst ungewohnten Anordnung zeigt.

Über die Farben des Wappens derer von Haiger haben sich keine archivalischen Unter­lagen finden lassen. Nach den Wappen in der Haigerer Kirche ist aber mit einiger Sicherheit anzunehmen, daß die drei Seeblätter in Gold auf rotem Feld standen. Heral­dischem Brauch zufolge kehren die Wappenfarben auch in der Helmdecke und im Kleinod wieder, so daß in diesem Falle die Helmdecke außen rot und innen goldfarben wäre.

 

Q.: Löber, Karl; Haigerer Hefte, Nr. VIII, 1977