Heimatverein umrundet das alte Dorf

Zum 25jährigen Vereinsjubiläum hatte der Heimat- und Geschichtsverein am vergangenen Samstag seine Mitglieder eingeladen, um sich das alte Herborn-Seelbach mal genauer anzuschauen.

Trotz sommerlicher Temperatur jenseits der 30Grad, fanden sich ca. 50 Heimatfreunde an der Alten Schule ein um unter Leitung von Christian Görzel das alte Herborn-Seelbach zu begehen. Ziel der Wanderung war es nicht noch bestehende Gebäude zu erklären, vielmehr erläuterte Görzel ein historisches Dorfbild, das es so heute nicht mehr gibt. Anhand der Auswertung historischer Karten und Archivmaterials des Staatsarchivs in Wiesbaden, erinnerte der Hobbyforscher zum Beispiel an alte Wegeführungen im und um das Dorf. Ebenso ließ sich der alte Dorfkern und die vermutliche Dorfbefestigung anhand einer Karte von 1701 und überlieferten Flurnamen rekonstruieren. So machte sich die Gruppe auf das bekannte Seelbach mal mit anderen Augen zu sehen.

Nach einleitenden Worten des Vorsitzenden Hans Benner, ging es von der Alten Schule durch „die Eck“, wo der Abriss einiger alter Fachwerkhäuser und –scheunen das Dorfbild bereits massiv verändert hat. Man schuf zwar Platz für Straßen und Parkplätze, aber die Enge und Gemütlichkeit ging mit dem Verlust der alten Hofanlagen ebenfalls verloren.

Es ging weiter zum „Alten Garten“ und durch die „Lütsch“ entlang der alten Dorfgrenze aus einer Zeit, in der das Dorf noch von einer Schutzanlage umgeben war. Hier wurde den Heimatfreunden der Aufbau des alten Dorfes mit seinen vorgelagerten, umzäunten Gärten erläutert. Die Bezeichnung „vor der Stiegel“ zeugt ebenfalls noch von dieser Zeit.

An der Brunnenschänke angelangt bot sich ein jämmerlicher Anblick des vor sich hin gammelnden Wirtshauses und des momentan noch zerstörten Dorfbrunnens.
Aber das historische Wissen um diesen Platz lies ihn an diesem Mittag auch in einem etwas anderen Licht erscheinen. Christian Görzel erinnerte an die leider auch bereits verschwundenen „Bachmauer“ unter der hier der Hirtenborn das Dorf verlies und auf der sich Generationen von Jugendlichen an lauen Sommerabenden trafen.
Mitten auf der heutigen Kreuzung stand noch zu Begin des 19.Jahrhunderts die alte Schmiede des Jakob Kring. Dem Ausbau zu einem Wohnhaus wurde nicht mehr stattgegeben, stattdessen musste sie dem Neubau der Chaussee (heute Marburger Straße) weichen. Ab den 1830er Jahren lief der Verkehr nun nicht mehr durch, sonder am alten Dorfkern vorbei.

Dem Lauf des Hirtenborns folgend, ging es hinüber in die südliche Gemarkung zur so genannten „Butschel“, wo den Wanderern eine kleine Erfrischung gereicht wurde.
Hier fand sich die Dorfbevölkerung in früheren Zeiten immer wieder zu Feierlichkeiten ein. Auf den Resten der ehemaligen Wasserburg des Dernbacher Adelsgeschlechtes wurde noch 18… die so genannte „Hohenzollern-Eiche“ zum 25jährigen Thronjubiläum des Kaisers gepflanzt.

Nach kurzem Zwischenstop zog die Gruppe nun von einem schattigen Plätzchen zum anderen. Immer wieder gab es Informationen auch zu vergessenen Ritualen der Dorfbevölkerung. So wurde u.a. daran erinnert, dass regelmäßig zum Geburtstag des Kaisers Freudenfeuer auf dem „Forstkopf“ und der „Hardt“ (dem heutigen Turnplatz in der Mitte des Dorfes) entfacht wurden. Die Honoratioren des Dorfes bildeten einen kleinen Festzug, die Schulkinder sangen und gaben Gedichte zum Besten, Kaiserwecke wurde für die Kinder gebacken. Auch andere Ereignisse wurden so begangen, beispielsweise der 100te Todestag von Friedrich Schiller mit einem „Schiller-Feuer“ auf dem Forstkopf. Das waren „Highlights“ im sonst doch eher tristen Jahresverlauf.
Auch an die beiden Kaiserlinden aus dem 19.Jahrhundert, die „Wilhelms-„ und „Friedrichslinde“ auf der Hardt wurde erinnert. So Vieles aus dem alten Dorflebens hat die Zeit nicht überdauert und ging zusehends in Vergessenheit.

An der alten Walzenmühle angekommen, erinnerte der heimatkundige Führer an die hier ehemals die Talenge schützende Landwehr. Diese ist uns noch aus alten Urkunden aus dem 14. Jahrhundert schriftlich überliefert. Aber auch heute noch erinnern hier alte Flurnamen, wie „vor dem Schlag“ an diese Schutzeinrichtung.

Zurück ins alte Dorf ging es entlang der alten Hauptstraße, der heutigen Fahlerstraße. Bald erreichte die Gruppe den alten Dorffriedhof, heute der Seelbacher Kindergarten. Auch hier erfuhren die Heimatfreunde wie es sich damals zugetragen hat, als dieser Friedhof nach mehrmaliger Erweiterung, schlussendlich doch zu klein wurde, die Seelbacher eine andere geeignete Stellen finden mussten und wie der heutige Friedhof an die Hohe Straße kam.
Ab dem alten Falltor (>mundartl. „Fahler“) ging es über den „Schäbel“ weiter entlang der alten Dorfbefestigung.
Im Zentrum des alten Dorfes an der Kirche angekommen, wies Görzel auf eine Auffälligkeit hin. So bemerkte er, das für die Seelbacher Geschichte bedeutende Ort in der Gemarkung eine interessante Gemeinsamkeit aufweisen.
Die Orte „beim Kreuz“ (heute etwa Aussiedlerhof auf der Alsbach), „Butschel“, Kirche, das fränkische Grab an der „Hardt“ und „am Heiligen Born“(heute etwa Friedhof) liegen erstaunlicher Weise exakt auf einer Linie. Diese Linie wiederum verbindet sehr genau den Sonnenaufgangspunkt der Sommersonnenwende im Juni mit dem Sonnenuntergangspunkt zur Wintersonnenwende im Dezember. Zufall oder wichtige Orientierungshilfe unserer Vorfahren? Auch hierüber müssen noch einige Überlegungen angestellt werden.

Dem wohl historischer Verlauf der Hohen Straße (heutige Hardtstraße) entlang, ging es hinauf auf die „Heul“ („Hohl“). Hier oben verließ die Hohe Straße durch ein Tor unser Dorf und verschwand Richtung Norden im Schelder Wald.
Unten an der „Heul“ angelangt, bekamen die Heimatfreunde noch einen Hinweis auf den alten Brandtweiher. Heute nicht mehr zu sehen, erinnert nur noch der Name „Weiherstraße“ an das ehemals wichtige Bauwerk, aus dem noch heute die Feuerwehr einen Teil ihres Löschwasser bezieht.
Und noch etwas durfte nicht unerwähnt bleiben, der heute verrohrte Hirtenborn würde unter natürlichen Bedingungen hier hinunter ins alte Dorf plätschern. Der sehr alte Flurname „auf der Klingel“ zeugt noch vom damals freilaufenden und rauschenden Bach.
Mit diesen Erläuterungen endete der etwas Andere Dorfrundgang und am alten Backes ließen sich die Wanderer mit Kaffee und Backeskuchen verwöhnen. Die Wärme des alten Backhauses reichte noch aus, um den Heimatfreunden später auch noch eine deftige Mahlzeit zu bereiten. Man lies es sich schmecken und der Tag klang in einem gemütlichen Beisammensein an einem warmen Sommerabend aus.