Das Seelbacher „Backes“


Bild 1: Das Seelbacher „Backes“ an der Hohenstraße, 2021. (Bild: Christian Görzel)

 

Beschreibung

Gemeindebackhaus, Mitte des 18. Jahrhunderts vollständig aus Bruchstein erbaut. Eingeschossig 4,6 m x 8,9 m, Traufhöhe 3,2 m, 38° Satteldach in
Nord-Süd-Ausrichtung mit Schiefer (ursprünglich Ziegeln) gedeckt. Schornstein mittig angeordnet. Tür und Fenstergewänder aus Werkstein. In der
südl. Giebelwand oberhalb der Tür befindet sich eine Steinrosette mit ca. 0,8 m Durchmesser als offener Abzug. In der östlichen Gebäudewand
befinden sich zwei Fensteröffnungen je 0,8 m x 1,5 m, wovon die Südliche mit einem Sprossenfenster versehen, die Nördliche jedoch mit Bruchstein
verschlossen ist. In der nördlichen Giebelwand befindet sich ein Zugang auf den Ofen, auch zur Lagerung von Brennholz. An der Westseite reicht die
angrenzende Geländeoberfläche etwa bis zur Traufhöhe des Daches und schützt so vor Wind und Wetter. Unmittelbar östlich am Gebäude entlang
durchfließt der kleine Hirtenborn (heute unterirdisch) das Dorf.

 

Geschichte

Das heute noch an der Hohenstraße gelegene Backhaus ist eines von zwei Gemeinde-Backhäusern unseres Dorfes. Ein „Zwilling“ befand sich am
Brandweiher unterhalb der Chaussee, heute Marburgerstraße, und wurde 1962 abgebrochen.

Backes 1962

Bild 2: Der „Backes-Zwilling“ südlich der Marburgerstraße Richtung Alsbach. (Bild: Archiv Heimat- u. Geschichtsverein Herbornseelbach)

Der Standort des alten Backes [Kurzf. f. Backhaus] wurde, zur Minderung der Brandgefahr, etwas außerhalb des alten Dorfkerns gewählt. Vermutlich
aus dem gleichen Grund, befand sich unmittelbar nördlich des Backes auch das alte Brauhaus.
(heute zwischen Sporthaus Förster und Backes gelegen)

Die Geschichte der Seelbacher Backhäuser lässt sich bis weit ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.
Um dem zunehmenden Rohstoffmangel an Holz und der Gefahr von Dorfbränden entgegen zu wirken, denen ja einige Dörfer der Region zum Opfer
gefallen waren, wurde bereits in einer nassauischen „Holz- u. Waldordnung“ im Jahre 1562 der Bau  von zentralen Backhäuser in den nassauischen
Dörfern angeordnet.
Diese herrschaftliche Anordnung scheint jedoch nicht umgesetzt und vermutlich auch  infolge des 30jährigen Krieges und der darauf folgenden Mangeljahre
nicht weiter betrieben worden zu sein.
Im Jahre 1745 wurde unser Dorf nun vom Herborner Schultheißen ermahnt, endlich die geforderten „gemeinen Back-Häußer“ zu errichten. Die Gemeinde
sah sich jedoch nicht imstande der Aufforderung nachzukommen, “weilen wir aber wegen mißwachs und Kriegsbeschwerung jetzt in eine sehr arme Zeit
gerathen, da die mehresten  in unserer gemeinde nicht allein kein futter vor das fahrende Vieh, sondern auch das liebe brodt vor die Menschen nicht mehr
haben, also das wir diese Baukosten ohn möglich tragen können. Überdem sind wir auch mit Backhäußern, welche außer dem Dorf, und also außer aller
gefahr
stehen noch ziemlich wohl versehen.“ 1)

Auf diese Stellungnahme hin wurde der Gemeinde ein Aufschub um ein Jahr gewährt. Was dann geschah ist nicht überliefert. Jedoch sind aus dem
Jahr 1775 insgesamt 7 Backhäuser in Seelbach dokumentiert. 2) Zwei werden als gemeindeeigen bezeichnet, Eines „oben“, Eines „unten“ im Dorf“.
Hierbei muss es sich um die beiden Backhäuser handeln, von denen noch Eines bis heute Bestand hat. Aufgrund dieser tradierten Nachweise in den
einschlägigen Steuerlisten der Gemeinde ist die Bauzeit unseres Backhauses in die Mitte des 18. Jahrhunderts zu datieren.

Die Errichtung der beiden zentralen Backstätten führte vermutlich auch zu einem Verbot der Nutzung der noch existierenden privaten Backhäuser, die in
der Folge zusehends verfielen. Drei der 5 erwähnten privaten, teilweise noch mit Stroh (!) gedeckten Backhäuser wurden bereits 1808 wegen Baufälligkeit
abgebrochen. Ein weiteres Backhaus befand sich bei der Mühle.

Da nun Alle Einwohner in den gemeindeeigenen Backhäusern backen mussten, führte die starke Nutzung natürlich auch zu dauerhaften Instandhaltungskosten
aus der Gemeindekasse. In den noch erhaltenen Rechnungen aus den Jahren 1795-1806 finden sich laufend Handwerkerkosten für die Backhäuser. So
zahlte man am 16. August 1806 dem Steindecker Römer von Herborn noch 1 Gulden 10 Albus für „die Reparatur der beyden Backhäußer“. 3)


Nach dem Verschwinden der privaten Backhäuser waren die Seelbacher auf die beiden Gemeindeeigenen angewiesen. Die Einwohner mussten sich nun
das gemeinschaftliche  Backen organisieren, hierzu gehörte auch dass regelmäßig an der Kirche stattfindende „ausspielen“ [verlosen] der Backzeiten und
der Verantwortung für das Anheizen.

Der alte "Deusings Ferdnand" hat diese Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch in seinen Jugenderinnerungen festgehalten. Er schrieb: „ Übrigens: unser
Polizeidiener war in unserer Gemeinde eine kleine Persönlichkeit. Werktags um 11 Uhr musste er selbst den Turm besteigen und eine Glocke läuten. Das war
das Zeichen zum Losen über den Backverlauf. Da wurde "ausgespielt" , wer Erster, Zweiter und Dritter und so weiter sein sollte. Wer Erster war, musste anheizen
im Backes und musste je nach der Zahl der Backinteressenten schon früh aufstehen, da durfte kein Streit aufkommen, jeder musste sich dem Los fügen. Frohsein
und Grollen musste unterdrückt werden, der Polizeidiener hatte seinen blauen Rock an mit den blanken Knöpfen und auf dem Kopf die entsprechende Schirmmütze,
er duldete kein Wenn und Aber.“
4)

Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse offenbar so positiv entwickelt, dass sich ausreichend viele Einwohner Backwaren
zukaufen konnten. 5) So fand das Bäckerhandwerk auch in unserem Dorf Einzug. Nach dem frühen Tode ihres Mannes, errichtete Sophie Gabriel mit ihrem
Sohn Friedrich im Jahre 1883 ein eigenes Backhaus an der Ecke Franzstr./Hohestr. und eröffnete die erste Bäckerei in unserem Dorf.

Das alte Soffies Backhaus aus dem Jahre 1883.

1987 vollständig renoviert, nutzt die unmittelbar angrenzende Bäckerei Gabriel (Dorfname „Soffies“ oder „Soffie-Bäcker“) das alte Gemeinde-Backes seitdem in Erbpacht.
In den 1990er Jahren veranstaltete der Heimat – u. Geschichtsverein unter aktiver Einbeziehung des alten Backhauses seine legendären „Backesfeste“ , die
nach und nach zu wahren Volksfesten ausuferten und später strukturell für den Verein nicht mehr zu bewältigen waren.

Nun ist es ruhiger geworden um das alte „Backes“, aber jeden Donnerstag wird es noch in den frühen Morgenstunden angeheizt und dient bis heute dem
Soffie-Bäcker zum Backen des beliebten Steinofenbrots.

 

 

 


 


 

1) „Backhäuser in Herbornseelbach 1745“; HHStAW 172/5731

2)   Brandsteuerkataster Herbornseelbach 1775“; HHStAW 179/1812

3) „Rechnungen über Einnahme und Ausgabe der Gemeinde Herbornseelbach“ [1795-1806];  HHStAW 190/7575 ff

4) „Deusings Ferdnand“ – Kindheitserinnerungen. In: Heimatnachrichten 2021, des Heimat – u. Geschichtsvereins Herborn-Seelbach, S.18.

5) Lehrer Köbe schreibt in der Herbornseelbacher Schulchronik 1931 hierzu: “Interessant ist es auch, daß das Brotbacken in den Gemeindebacköfen
fast ganz aufgehört hat. Während beim Elfuhrläuten die einzelnen Familien um die Reihenfolge beim Backen losten („spielten“) und ihre Zahl so groß war,
das oft bis tief in die Nacht gebacken wurde, stehen die Öfen jetzt tage, ja wochenlang kalt. Die Leute sind zu bequem geworden.“